Stadt und Kanton Zug 03. Februar 2003
Die Zuger Grenzen werden durchlässig
Begehren von Aussen, kommunale Aufgaben kantonsübergreifend zusammenzulegen, nehmen zu
Der Standort Zug ist heiss begehrt: Die Luzerner Gemeinde Meierskappel denkt über einen Kantonswechsel nach. Und bald sollen Hochzeitspaare aus dem schwyzerischen Sattel in Oberägeri getraut werden.
Zwischen Oberägeri und der Schwyzer Gemeinde Sattel gibt es mehr als nur eine Trennlinie: Hier wie dort ist der Narrentanz der Fasnachtsfiguren derselbe. Und gar manche und mancher einst in Sattel Geborene lebt heute im Ägerital. Dicht geknüpft sind daher die verwandtschaftlichen Banden über die Kantonsgrenze bei Morgarten hinweg.
Nun aber will man sich auch politisch näher kommen: Heiratswillige aus Sattel sollen sich das zivile Jawort bald in Oberägeri geben. So jedenfalls verlangt es der Sattler Gemeinderat, der ein Gesuch an die Behörde im Kantonshauptort Schwyz gesandt hat.
Ein geteiltes Wohnhaus
Für Oberägeri und Sattel ist grenzüberschreitend denken kein Neuland. Vielmehr haben Schwyzer und Zuger Gemeindebehörden mit ihrer jahrhundertealten Grenzerfahrung leben gelernt, und bis heute Eigenartiges erlebt. So steht oberhalb des Schlachtgeländes bei Morgarten ein Wohnhaus, dessen Küche zur Gemeinde Sattel gehört, während das Bett auf Zuger Boden steht.
Jahrhunderte lang wurde über die territoriale Zuordnung gestritten, letztmals 1901, als das Bundesgericht die eigentümliche Marchung bestätigte. Seither sind die Hausbewohner dem Schwyzer Steuervogt unterstellt, die Kinder aber drücken die Schulbank im Ägerital. Den Juristen des Kantons Schwyz ist das gemäss dem Sattler Gemeindeschreiber Pirmin Moser noch immer ein Dorn im Auge. Nur: Auch wenn die Grenze zwischen Sattel und Oberägeri zu bereinigen ist, ein Kantonswechsel kommt für Sattel nicht in Betracht. Die grenzüberschreitende Avance in Sachen Zivilstandsamt ist vorderhand ein Einzelfall; der Blick nach Oberägeri nur als letzter Ausweg gedacht.
«Wir wehren uns gegen den Anschluss an den Zivilstandskreis Küssnacht», so Moser. Denn das Rigidorf liege allzu weit von Sattel weg und ein Gesuch um Aufnahme in den Kreis des nahen Bezirks Einsiedeln wurde von den Schwyzer Behörden bereits abgewiesen.
Dreissigjährige Tradition
Dem Annäherungsversuch der Sattler stünde von Zuger Seite wenig entgegen: Der bereits kontaktierte Gemeinderat Oberägeri sei durchaus erfreut, wenn die Schwyzer Hochzeitspaare mithelfen, die verwaltungsinternen Kapazitäten besser zu nutzen. Und zudem hat die grenzüberschreitende Zusammenarbeit unter Gemeinden in Zug bereits Tradition.
So gehen die über zwölfjährigen Kinder aus Meierskappel seit über dreissig Jahren in Rotkreuz zur Schule. Zudem steht den Betagten der Luzerner Gemeinde mangels eines eigenen Heims ein Platz im Rischer Alterszentrum «Dreilinden» zu. Und zu guter Letzt: Falls es im 1000 Einwohner grossen Luzerner Dorf einmal brennen sollte, ist unverzüglich ein Feuerwehrauto mit Zuger Kennzeichen zur Stelle.
Der Entscheid steht bevor
Dabei sind sich Meierskappeler und Rischer derart nahe gekommen, dass erstere nun sogar laut über den Kantonswechsel nachdenken. Eine vom Gemeinderat beauftragte Fusionskommission war wenige Tage vor Weihnachten zum vielbeachteten Fazit gekommen, dass die Fusion mit der Zuger Gemeinde Risch «seriös weiterverfolgt» werden müsse. Ob der Rat befolgt wird, entscheidet sich diese Woche. Die Meierskappeler Exekutive hat nämlich seine Antwort darauf in Aussicht gestellt, ob dazu eine Volksabstimmung abgehalten wird.
Doch: Zur allfälligen Westerweiterung des Kantons Zug hat Nachbar Luzern auch noch etwas zu sagen. Und dessen Regierung hat bisher alles andere als freudig auf die Abwanderungsgelüste der Meierskappeler reagiert.
Paul Knüsel