Ausgabe vom Samstag, 12. Oktober 2002
Rotkreuz

Kleine Firma wirft hohe Wellen

Die Remei AG aus Rotkreuz ist eine kleine, im Garnhandel tätige Firma. Und sie kam kürzlich ganz gross heraus: Sie konnte in Johannesburg einen Umweltpreis abholen.

Patrick Hohmann hat einen Begriff geprägt: «All-holders-Value», zu Deutsch etwa «Gewinn für alle Beteiligten». Ihn setzt er dem «Shareholder-Value», dem einseitig auf Gewinn ausgerichteten Handeln und dem ausbeuterischen Geschäften mit der Dritten Welt, entgegen. Begonnen habe alles fast zufällig. Als Hobby.

Zwei Bleistiftzeichnungen
Und doch auch wieder nicht: In seinem Wohnzimmer im biologisch energetisch umweltfreundlichen Holzhaus in Meierskappel hängen zwei Bilder. Beides Bleistiftzeichnungen. Die eine trägt den Titel «Hunger» und zeigt Not leidende Menschen - die andere heisst «ringender Mensch» und zeigt einen Händeringenden Mann. «Zwischen diesen beiden Polen lebe ich», sagt Patrick Hohmann, der seine Jugend bis zum elften Lebensjahr in Afrika verbrachte. Danach wuchs er in Unterägeri fertig auf. Bildete sich im deutschen Reutlingen zum Textilingenieur aus und kam zurück in die Schweiz. Nach Meierskappel eben. Wo er die «Representations Meierskappel», abgekürzt Remei AG, gründete. Eine international tätige Garnhandelsfirma.
1987 zügelte er seine Firma aus Platzgründen nach Rotkreuz. 1991 startete er mit einem indischen Freund als Versuch ein Kleinprojekt zum Anbau von Bio-Baumwolle. Das 1995 plötzlich eine ungeahnte Dynamik erhielt. Denn in diesem Jahr entschied sich der Grossverteiler Coop, die Coop-Naturaline mit Biobaumwollwäsche zu lancieren. Die ökologisch angebaute Baumwolle dazu bezog sie bei der Remei AG aus Rotkreuz. «Ohne Coop wäre alles gar nie möglich gewesen. Dank ihr gewann das Projekt an Boden und konnte zur heutigen Grösse heranwachsen», betont Patrick Hohmann.

Einen Teufelskreis durchbrochen
Die Wendung «an Boden gewinnen» ist im doppelten Sinn zu verstehen: Gemeint ist nicht nur der in den letzten Jahren auf 35 Prozent des Coop-Baumwollsortimentes herangewachsene Handel mit Naturaline, sondern auch das Gesunden des Bodens auf den Äckern der beteiligten Bauern in Maikaal in Indien und in Meatu in Tansania (vergleiche Box). «Der ständige Einsatz von Chemie, von Dünger und Pestiziden führte die Bauern in der Dritten Welt in einen Teufelskreis», erklärt Patrick Hohmann. Die Böden wurden durch die jahrelange Monokultur, den Einsatz der Pestizide unfruchtbar; die Baumwolle ständig schlechter. Das senkte die Preise und damit das Einkommen der Bauern. Und aus diesem geschmälerten Einkommen sollten sie mehr und mehr Dünger und Pestizide bezahlen...
Die ökologische Anbaumethode, für die Patrick Hohmann und sein indischer Freund 1991 ein paar Kleinbauern gewannen, befreite diese aus den Zwängen. Nach viel Überzeugungsarbeit, einigen Fehlschlägen, geduldigem Pröbeln mit biologischen Methoden zur Schädlingsbekämpfung und langem Durchhaltewillen. «Heute ist bio-Re das vermutlich grösste Biobaumwoll-Anbauprojekt der Welt», bilanziert Patrick Hohmann nicht ohne Stolz. Und hat seit dem Umweltgipfel von Johannesburg im September den Beweis, dass seine Idee der partnerschaftlichen Zusammenarbeit und des nachhaltigen Anbauens funktioniert und Zukunft hat: Die Remei AG und Coop erhielten einen von zehn von der Internationalen Handelskammer und dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen in alle Welt verliehenen Preisen. 120 innovative Projekte zur nachhaltigen Entwicklung wurden den Fachleuten zur Prämierung angemeldet.

Einladung nach Johannesburg
«Ich war überrascht, als ich nach Johannesburg eingeladen wurde, um den Preis mit Vertretern der Coop zusammen entgegenzunehmen», schildert Patrick Hohmann. «Als Anerkennung für den ausgezeichneten Beitrag an eine nachhaltige Entwicklung» steht (in Englisch natürlich) unter dem grün gehaltenen Titel «World Summit Business Award». «Es hat mich zutiefst bewegt, dass wir den Preis erhielten, und es war meine Firma und auch für mich persönlich eine riesige Freude.» Und die Bestätigung, dass er sich mit seiner Überzeugung, «dass langfristig gesehen nur gerechtes und partnerschaftliches Wirtschaften Zukunft hat» auf dem richtigen Weg befindet. Auch wenn die übermächtige Konkurrenz konventionell und maschniell bearbeiteter, unüberblickbar weiter Baumwollfelder in Amerika, Australien und China verzweifeln lassen könnte.

Eine Studie des Deza
Dass der Preis in Johannesburg verliehen wurde, wo in Sachen Umwelt eine eher traurige Bilanz von Nichterreichtem aufgereiht wurde, schmälert den Preis und seine Glaubwürdigkeit in Patrick Hohmanns Augen nicht: «Wir können nicht die Verantwortung für das weltweite Geschehen übernehmen. Aufbruch geschieht immer mit kleinen Schritten.»
Bestärkt wird er in dieser Ansicht auch dadurch, dass nun das schweizerische Deza (Departement für Entwicklung und Zusammenarbeit) sich für die Projekte in Maikaal und Meatu interessiert und eine Studie darüber in Auftrag gegeben hat, wie Raubbau an der Landwirtschaft und soziale Verarmung zusammenhängen. «All-holders-Value ist die Kunst, Sozialverträglichkeit und Nachhaltigkeit als Zukunftsimpulse in unser Wirtschaftsdenken einzubringen», ist auf der Homepage der Remei AG nachzulesen.

VON ESTER NÜSSLI