Ausgabe vom Mittwoch, 31. Juli 2002

Die Knüsels und ihre Camper aus halb Europa

E in gigantischer Obstgarten - mit reifen Früchten: Der Traum jeder passionierten Gärtnerin wird zum Albtraum für die Kinder. Was zu tun ist, liegt auf der Hand. Bloss alleine ist die Arbeit nicht zu schaffen, also müssen die Sprösslinge ran. Da hilft alles Murren und Stänkern nichts. Kein Pardon. Ohne familieninternen Zwist insbesondere bei pubertierenden Girls läuft sowas selten ab.

Hinter Früchten her
Anders in fremden Gärten: Stolz zeigen Manuela (15) und Melanie (13) die beiden Töpfe her, randvoll mit Pflaumen. «Soeben gepflückt», erzählen die beiden und strahlen dabei, als hätten sie soeben ein Pferd zum Geburtstag versprochen gekriegt. Von wegen. Ohne Aufforderung, ohne Gegenleistung, in den Ferien und an einem Ort, wo sie nur gegen Geld Bleiberecht haben, gingen die zwei Teenies den Früchten nach. Manuela aus St. Gallen und Melanie aus Meiringen sind zu Gast bei den Knüsels in Meierskappel, haben hier mit Eltern und Grosseltern die Zelte aufgeschlagen. Nicht wild: Knüsels Bauernhof Gerbe ist auch ein Campingplatz.

Warum eigentlich nicht?
Vor rund sechs, sieben Jahren, so genau wissen es die Bauersleute auch nicht mehr, sind die Knüsels auf die Idee mit dem Campingplatz gekommen. Damals, nachdem Edith Knüsel einen Kurs «Schule auf dem Bauernhof» gemacht hatte, sind immer wieder ganze Schulklassen auf dem Hof zu Besuch gewesen und über Nacht geblieben. Als sich dann einige Eltern erkundigten, ob sie auch mal auf dem Hof campieren dürften, sagten sich die Knüsels: Warum eigentlich nicht.

Jeden Winter was Neues Damit aber war es nicht getan. Toiletten-Anlagen, Duschen - die ganze Infrastruktur eines Zeltplatzes musste her und vor allem eine Ausnahmebewilligung von der Gemeinde, damit die Knüsels auf ihrem Landwirtschaftsgebiet überhaupt einen Zeltplatz führen durften. Später machte eine Umzonung des halben Hektar Land in eine temporäre Campingzone die Bewilligung überflüssig. Nicht aber jede Menge Arbeit. Knüsel senior und Junior Andreas (14) machten den Schopf «zwäg», bauten ihn zum isolierten Aufenthaltsraum samt hölzerner Bar aus. Jeden Winter liessen sich die Knüsels zum Saisonstart was Neues einfallen: etwa das Campinglädeli mit allerlei Frischem vom Hof und vom einheimischen Gewerbe, auch Spezialitäten wie Konfi «Belle de Paris» (Edith Knüsels Kurzerklärung: «aus Pflaumen»). Hinzu kam ein Bassin, auch der «Oklahoma Joe», (Beat Knüsels Kurzerklärung: «ein Grill, der aussieht wie eine Dampflok»). Der Campingplatz wuchs und wurde für die vierköpfige Familie zu einem finanziellen Standbein, wie der 42-jährige Knüsel sagt: «Er ist für uns wichtig, damit wir positiv in die Zukunft sehen können.»

Bewusst kein Kleinzoo
Bauernhof ist die «Gerbe» aber geblieben: ein Betrieb seit Generationen in Familienbesitz, mit Obstbau und Milchwirtschaft, 24 Kühen plus Jungvieh im Stall. Mit zwei Ponys, Geissen, Schafen, Hasen, Katz und Hund. Alles da. Alles eben, «was auf einen Bauernhof gehört.» Und nicht mehr. «Wir wollen ganz bewusst keinen Kleinzoo», so Knüsel. Einziger Exot unter den einheimischen Tieren sind ein Pfau und seine Jungen.
Die Knüsels sind Bauern, lassen sich aber nicht bloss gegen Entgelt über die Schulter blicken. Sie sind auch Gastgeber mit Leib und Seele. Vater wirft für die Gäste abends «Joe» an, Mutter (36) und Andreas kochen für die Camper Älplermagronen - offenbar so gut, dass es gar Gäste geben soll, die sich bereits bei der Reservation erkundigen, an welchem Wochentag die Makronen auf der Menükarte stehen. Für 3 Franken pro Ritt führt die 13-jährige Tochter Yvonne die Ponys mitsamt Gästen um den Hof.
Ruhe gönnt sich die Familie selten. Immerhin, über Mittag von zwölf bis eins sei man drüben im Haus unter sich, sagt Knüsel. Und einmal im Jahr zieht die Familie fort: zwei Wochen Gran Canaria, jeweils im Winter. Das reicht. Denn allzu lange hält die Ruhe auf der Gerbe niemand aus. Sohn Andreas sei es auch schon mal im Februar bereits wieder langweilig geworden, lacht Mutter Edith. Was ihm zurzeit garantiert nicht passieren kann, Hochsaison auf der Gerbe heisst bis zu 200 Leute auf dem Platz. Aus der Ruhe bringen lassen sich die Knüsels allerdings nicht. Einfach nur «höckle» können sie auch - mit den Gästen aus halb Europa auf du und du.

Reife Früchte
Die persönliche Atmosphäre schätzt auch Monika von Wartburg aus Reussbühl. Sie ist mit ihren zwei Kindern schon zum dritten Mal da. Eigentlich wäre sie dieses Jahr gerne etwas weiter weg als 10 Minuten von zu Hause in den Ferien, im Tessin oder so. Keine Chance. «Die Kinder haben mich schon vor Wochen bestürmt, wieder hierher zu fahren.» Dem familieninternen Zwist ging sie gerne aus dem Weg. Hier hat sie ihre Ruhe. Kein Murren und Stänkern. Nur jede Menge junge Gäste und dazu reife Früchte auf zweieinhalb Hektaren.